Schule braucht Leidenschaft

Ingrid Rathner, Erwin Dorn

Gastkommentar in den OÖN am 16. Dezember 2010, S. 3

Die aktuelle Pisa-Studie hat wieder einmal mehr viele Experten auf den Plan gerufen. Erklärungen jagen Schuldzuweisungen, Expertisen beantworten Ratlosigkeit.
Klar ist: SchülerInnen lesen dann zu wenig, wenn ihnen die Begeisterung für das Lesen fehlt. Die Welt zwischen den Buchdeckeln bleibt ihnen verschlossen, weil sie keinen Zugang zu dieser Welt finden und weil es kaum gelingt,  ihnen den Weg in diese Welt zu zeigen.
Nichts wäre so kurzsichtig  wie der Versuch, die Defizitpunkte des Pisa-Ergebnisses im Bereich Lesen mit gezielten Leseinitiativen und Förderprogrammen bis zur nächsten Studie wettzumachen. Das hieße drehen an einem Rädchen, ohne das System zu bewegen.
So, wie die Schule derzeit ist, vermittelt sie kaum Freude am Lesen. Weil es in der Schule eben zumeist nicht um Freude geht, sondern um Lernen. Zum Lesen aber  gehört zweckfreie Begeisterung, Ausklinken aus der Wirklichkeit und Eintauchen in die Phantasie.Das steht in keinem Lehrplan.
Klar ist auch: SchülerInnen lesen zu wenig, weil Lesen zum herkömmlichen Unterricht gehört.

Solange Unterricht in Gegenständen abgespult wird, der kaum Raum lässt für das Erkennen persönlicher Bedürfnisse, so lange wird Lesen bei den Jugendlichen uncool bleiben. Eine der ureigensten Dimensionen des Lesens wird nämlich für sie nicht erlebbar: raus aus dem Alltag, weg vom Moment, hinein in die Welt, die jemand anderer für mich erschaffen hat.
Wenn es aber Schule nicht gelingt, Freude, Begeisterung und Leidenschaft für die Herausforderungen zu wecken, die den LehrerInnen und den SchülerInnen im System Schule gestellt sind, dann verfehlt sie ihre ureigenste Aufgabe.
Die heute Fünfzehnjährigen werden vermutlich im Jahr 2060 in Pension gehen. Niemand weiß, welche Probleme auf sie warten, weil letztlich niemand weiß, wie ihr Leben in einer Welt, die sich ständig verändert, aussehen wird.
Die Herausforderungen, die auf sie zukommen, werden komplex sein. Um ihnen zu begegnen, werden kognitive Wissensinhalte zu kurz greifen. Kreativität, Leidenschaft und vernetztes Denken werden gefragt sein. Und genau da ist Schule gefordert.
Es braucht eine Schule, die Begeisterung weckt, die Kreativität als Kernkompetenz erkennt und die in allem, was geschieht, die Leidenschaft sucht. 

 

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