Von Bärtierchen zu Thomas Bernhard

Christian Winter

Bärtierchen zu finden ist nicht leicht. 

Es handelt sich um einen Tierstamm, dessen Vertreter winzig klein sind und zwischen den Blättchen von Moosen leben. Mit freiem Auge kann man sie nicht entdecken und Moose unter dem Mikroskop abzusuchen ist ein sinnloses Unterfangen. Man zupft kleinere Moospolster aus, legt sie verkehrt in Petrischalen und gießt Wasser darüber. Nach ein bis zwei Tagen kann man zwischen den abgelösten Bodenpartikeln unter der Stereolupe schwerfällig kriechende Bärtierchen finden. Soviel zur Vorbereitung einer Unterrichtseinheit des Wahlpflichtfaches Biologie.

Zur Einführung verliere ich ein paar Worte über die Stellung der Tardigraden im zoologischen System, weise auf die besondere Art deren Fortbewegung hin und versuche die Ernährungsweise zu erklären. Sie stülpen ihren Kussmund vor und treiben ein Kalkstilett in das Opfer oder Moosblättchen, um es auszusaugen. Indem ich dieses Bild entwickle, fällt mir der Film Alien ein und ich erzähle den SchülerInnen kurz davon, möchte wissen, ob sie den Film kennen. Aliens werden nicht einfach erfunden, entspringen nicht einem abartig kranken Gehirn, sondern es werden immer Anleihen aus der Natur genommen, meine ich sagen zu müssen. Wer von den SchülerInnen wohl den Regisseur kenne, frage ich noch nach und entgegen meinen Erwartungen meldet sich Oliver K. zu Wort und sagt ganz trocken, es sei Ridley Scott gewesen. Ich bin höchst erstaunt, dass ein Schüler der 7c den Regisseur eines 1979 gedrehten Films kennt und bringe das erfreut zum Ausdruck.

Nach einer Stunde ergebnislosen Suchens nach den Tierchen erkenne ich, dass es Zeit für eine Pause ist. Ich bin ein wenig unglücklich, da wir im vorjährigen Kurs erfolgreicher waren und am Weg zur Pausenzigarette hinaus auf die Straße überlege ich, ob das nun wohl eine wertvolle Unterrichtseinheit genannt werden kann und ich versuche das Scheitern als mögliches Lernziel zu verstehen. Mein Kollege Erwin fällt mir ein, der kürzlich meinte, dass auch das Scheitern gelernt werden will. Also gut, die Zigarette qualmt und ich denke nach, wie ich die Enttäuschung der SchülerInnen gering halten kann.

Oliver K. pirscht sich mit verstohlenem Blick heran. Er soll ja nicht rauchen und Schüler sollen nicht ihrem rauchenden Lehrer nachrennen, aber nun ist er da und redet mit mir über den Film. Und gleich darauf sind wir beim Terminator und den Filmen von Tarantino. Wir stimmen beide in unserem Wissen überein, dass man das Augenzwinkern Tarantinos nicht übersehen darf. „Zerkugeln" kann man sich dabei, wie bei der Lektüre Bernhards. Das aber sei meine Ansicht, die bei Gott nicht alle KollegInnen teilen würden, erzähle ich ihm. Der Bernhard sage ihm nichts, meint Oliver. Die Zigarette ist ausgeraucht.

Fünf Tage später sieht mich Oliver wieder draußen auf der Straße qualmen und eilt mit seiner Rauchgenossin zu mir, da ich im Weggehen bin. Welches Buch von Bernhard ich ihm denn empfehlen könne, fragt er mich, er möchte sich eines bestellen. Gehen war das erste, das ich von Bernhard las, als ich etwa im Alter von Oliver war und also fällt es mir jetzt ein und weil die Lektüre nicht sonderlich lang ist, empfehle ich es ihm. Bärtierchen, Ridley Scott, Thomas Bernhard - wer denkt denn so schräg?

In der nächsten Rauchpause, genau eine Woche später, laufen mir Oliver und drei Mädchen aus meinem Kurs nach. In dem vergnügten Gespräch frage ich Oliver, ob er sich Gehen schon bestellt habe. Nein, er habe sich Frost besorgt, habe gerade zu lesen begonnen und sei schon auf der Seite fünfundzwanzig. Alles voller Metaphern und mit „Das ganze Leben sei ein Geschlechtsleben" könne er momentan nichts anfangen. „Sieh dich doch um", sage ich zu ihm und fordere ihn auf, die Mädchen zu betrachten. Er grinst, ist sich aber unsicher und neigt den Kopf etwas verschämt zur Seite. Helfend klärt ihn Raissa auf und meint, dass „es doch immer nur um das Eine geht, stimmts"?

Bereitwillig betrachten sie anschließend die vorher gefärbten Stängelquerschnitte von Clematis vitalba und sind erstaunt über die Schönheit der unter dem Mikroskop entdeckten Strukturen.

Oliver ist kein Vorzeigeschüler, seine Deutschnote im Vorjahr ist so mies wie die anderen Beurteilungen. Er weiß, was Bärtierchen sind und dass man sie sehr schwer findet, kann Stängelquerschnitte herstellen, sie entlüften und färben und unter dem Mikroskop betrachten. Die von ihm angefertigte Übersichtsskizze zeigt alle erkennbaren Strukturen. Zwischendurch liest er Frost von Thomas Bernhard.

Christian Winter ist AHS-Lehrer im BRG Traun

 

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