Ein Haufen Angst und nur wenig Glück

Christian Winter

Mein Glück ist dein Unglück. 

Dein Unglück steht täglich in der Zeitung abgedruckt. An deinem Unglück kann ich erkennen, wie viel Glück ich habe.
Ich bin gesund, du bist krank.
Ich vermeide es, über meine Krankheiten zu sprechen, denn derentwegen gehörte ich zu ihnen, den Unglücklichen. Wir sind gesund und daher glücklich.
Ich bin psychisch wohl auf, du bist süchtig. Wir verabscheuen Süchte und sind glücklich, grundsolide zu denken.
Ich bin rank und schlank, Bewegung macht mir Freude. Daraus schöpfe ich meine Kraft. Du hast Übergewicht und trägst zur Schau, dass etwas mit dir nicht stimmt.
Ich habe Angst, so zu werden wie du. Diese Angst macht mich unglücklich. Daher möchte ich von dir, dass du so wirst wie ich. Es würde zu meinem Glück beitragen.

Ein Haufen Angst und nur wenig Glück.

In der Angst wird der Blick eng. Das weite Blickfeld wölbt sich auf, schließt sich oben zu einem Wahrnehmungstunnel. Nur mehr vorwärts möglich, vorzugsweise nach unten. Kein Ausweichen links oder rechts, dafür schnell gerade aus. Die Augen zu! Nur mehr Vertrauen möglich. Kein Abwägen, kein Planen. Alles zu gefährlich. Das ist nicht mehr nur Angst, das ist bereits Ausweglosigkeit, psychotisches Vollvertrauen.

Ein wenig Angst wirkt konservierend. Konservierende Angst schafft Kalkül und verringert sich damit selbst.

Angst vor der Angst konserviert Angst, verringert nur die Angst, die es noch nicht gibt.  Die Angst vor der Angst nicht zulassen. Wenn ich jetzt keine Angst habe, dann darf sich nichts mehr ändern, dann brauche ich keine Angst haben, Angst zu haben, in Situationen zu geraten, in denen ich Angst habe. Nichts zulassen.

Wie nennt man den Zustand, in dem ich keine Angst habe? Glück? Ist Angst Unglück? Ich habe Angst vor Unglück. Wenn ich noch kein Unglück habe, dann doch die Angst vor dem Unglück und das ist das Unglück selbst. Das Unglück ist die Angst davor. Daran kannst du erkranken, noch bevor du krank wirst. Daran kannst du scheitern, noch bevor etwas nicht gelingt. Undenkbar, bevor gedacht.

Angstvoll gelebt und Glück angespart, turmhoch gestapelt, auf viel zu kleiner Standfläche und daher seit je her im labilen Gleichgewicht. Eine maßlose Untertreibung, unbeschreiblich. Hier oben gibt es für alle Eichhörnchen Milch und Kuchen. Nie nach unten schauen, denn die Erde ist eine hauchdünne Scheibe. „Kind, wenn du da hinunter fällst, dann fällst du sehr lange und du wirst vergessen, dass du fällst. Erst wenn du aufprallst, wirst du dich daran erinnern, dass du gefallen bist." Davor hat man doch Angst! „Jetzt trink deine Milch und iss den Kuchen auf."

 

Bilder