Gymnasiade

Michael Zinner

Erinnerungen eines Nomaden.

3 Gymnasien in meiner Schulzeit. 

Das erste in Mürzzuschlag unter Schock, weil ich zwei Tage vor Schulbeginn meine Mutter verloren hatte (Verkehrsunfall, Besoffener, frontal, tot). Hingefallen bin ich am Vorplatz der Schule, und mit blutendem Knie und kaputter neuer Hose sowie verlorenem Füller saß ich in der Kirche. Außerdem allein und ohne von jemandem hingefahren worden zu sein. An welche Lehrer erinnere ich mich? An die Biologielehrerin, weil sie eine schöne Frau war, an den Deutschlehrer, weil er einmal Rotwein beim Korrigieren über mein Schularbeitenheft geschüttet hatte und an den Musiklehrer, weil er ein Arsch von einem Menschen war, der durch seine gnadenlos ruhige Art, in der er Mitarbeitsminus eintrug, der Olympiasieger im Verbreiten von Angst war.

Das zweite in Graz, ein innerstädtisches altehrwürdiges Gemäuer für Buben mit mehr beängstigendem als beeindruckendem Stiegenaufgang und der andauernden Angst, dass in meiner Klasse jemand entdeckt, wie abstehend meine Ohren sind! Der Deal mit Hansi -  steirischer Judomeister und mein Sitznachbar -  der mich beschützte gegen ein bis zwei Aufgaben in Mathe-Schularbeiten. Und das Singen von Songs aus dem großen Beatles-Songbook, das genau mit dem Klingeln aus dem Tischfach gezogen wurde. Und dann noch die ‚Beiwagerl': Der junge Enthusiast in Biologie. Noch heute weiß ich, wo Amylase und Maltase und wo Pepsin und Katepsin stecken, dass die Galle zur Leber und das Luteinisierende Hormon zum Zyklus der Frau gehören und dass die Venenklappen eine grandiose Low-Tech-Erfindung des Körpers eines aufrechten Säugers sind, um der Schwerkraft eins auszuwischen. Die andere, eine junge Mathematikerin, die mich motivierte, weil ich wusste, dass sie mich mochte.

Und das dritte in Traun, dem gelobten Land meiner Schulerinnerungen, ja meines ganzen Lebens! Licht und Mädchen kombiniert mit dem Glück, zufällig eine tolle Frisur von einem neuen Friseur verpasst bekommen zu haben, sodass ich voller Zufriedenheit und Sicherheit - endlich gefall ich mir! - in die neue Schule ging. Und dann Ferien in Latein und eigentlich überall, weil Graz viel strenger war, und damit eineinhalb Jahre, in denen ich als Nebenerwerbsschulpolitiker auf die Matura zusteuerte und Mädchen und Politik wichtiger waren als der „Rest", der eben leicht und nicht wichtig war. Wichtig war der Spaß an der Sache an der Gemeinschaft in der Klasse. Ich war ein - gefühlter - „Star", weil ich schon in Graz Schülerzeitung gemacht hatte und es schmeichelte mir, wie die SchülerInnen und die LehrerInnen in Politischer Bildung alles von mir und meinem Bruder wissen wollten. Es war großartig, Lehrer als Freunde zu gewinnen, oder zumindest Lehrer kennenzulernen, die ‚lässig' waren, die nicht so viel Distanz zu unserer Welt aufbauten, Lehrer, die jung waren, jung wie das Gebäude. 
Lehrer, die mit uns unter einer Decke steckten. Lehrer, die mit uns gegen Staat, Vaterland und Kirche kämpften. Und so bin ich mir heute noch meiner außergewöhnlichen Zeugenschaft bewusst, in einer statistischen Ausreißerklasse gesessen zu haben: von den 21 SchülerInnen waren nur 5 Mädels, von den 16 Jungs ging einer freiwillig für ein Jahr zum Bundesheer, zwei absolvierten den Grundwehrdienst, ebenso viele wurden „befreit" und alle anderen ließen ihr Gewissen prüfen und leisteten Zivildienst. Wir waren Helden! Wir wollten gemeinsam der Welt einen Haxn ausreißen. Was für eine Zeit. Und dann noch die Mädchen! Meine ersten Küsse gab es freilich schon in Graz, aber die erste richtige Freundin, der erste angefasste Busen, das „erste Mal" und natürlich auch die ersten großen Enttäuschungen, das alles gab es in Traun. Und der Maturaball in der Schule mit einer gefundenen Liebe backstage im Physiksaal zwischen den Maturaballeinlagen, die wir einstudiert hatten. Diese Schule war ein Segen für mich.

Die Schulräumlichkeiten halten sich im Hintergrund meiner Erinnerungen:
 
In Graz der steile Stufenaufgang beim Haupteingang, die Kellergewölbe, in denen wir Werkerziehung genossen, der riesige Zeichensaal mit einem ungefähr 50 Zentimeter hohen Podium, auf dem die Lehrer zu zweit saßen und wir im Saal wie die Ameisen an unseren Tischen werkten. Ich hab mir meine Freude am Zeichnen trotzdem nicht nehmen lassen. Ich wurde als „guter Schüler" immer wieder gelobt. Aber meine Mitschüler taten mir immer leid, die waren einfach arme Schweine im „Schauzeichnen", viele wurden an den Pranger gestellt und mussten ständig darauf gefasst sein, an die Reihe zu kommen -  dort weit vorne und oben am Podium, wo sich die Lehrer an den „ungenügenden Kreaturen" vergnügten.

Mürzzuschlag - die erste Schule - fällt flach in meinen Raumgedächtnis, ist ausgelöscht. Das, was blieb, sind die alten offenen Waggons der ÖBB. Und der Geruch in diesen Waggons!

Und in Traun, meiner dritten Schule, war eine meiner Glücksquellen der Raum. Endlich Luft, endlich Licht, endlich Weite. Ich war begeistert. Heute, nach Jahrzehnten der professionellen Auseinandersetzung mit Architektur, würde ich sagen, dass sich hier für mich das Versprechen der Moderne - Sonne, Licht und Luft für die Menschen -  persönlich erfüllt hat. Und meine persönliche Geschichte, mein Erleben von Raum, meine Wahrnehmung von Schule als Bildungsareal kann all den Kritikern der Schulbauarchitektur der 70er Jahre nicht beipflichten, die die großen fetten Schulzentren, die blockhaft massigen Mammutschulen als fehlgeschlagene Experiment bezeichnen. Eine Fehleinschätzung der Extraklasse. 

 

Bilder