Oh Gott, es geht wieder los

Ingrid Rathner

Es ist ein neuer Tag

Wenn wir am Montagmorgen schlaftrunken den  Wecker hören und zugleich die vertraute Stimme aus dem Ö3-Radio, die uns mit fast mütterlicher Besorgtheit das Aufwachen so schmerzlos wie möglich gestalten will, dann wissen wir: Es ist ein neuer Tag. Und es ist alles beim Alten.

Und wenn diese Stimme zwischen aktivierenden musikalischen Klängen mit fast gebetsmühlenartiger Sicherheit immer wieder von Neuem betont, die Woche habe gerade begonnen, es sei aber in wenigen Tagen, genau genommen in 5 Tagen bereits wieder das Wochenende in Sicht, die Arbeitswoche nähere sich bereits also eigentlich, wenngleich auch gerade erst begonnen, ihrem ersehnten Ende, das Aufstehen lohne sich demgemäß deshalb, weil das Abhaken der einzelnen Arbeitstage die für uns alle so notwendige Freizeit ermögliche, dann wissen wir: Es ist alles beim Alten. Und es ist wie immer.

Wir werden eine weitere vor uns liegende Woche deshalb überstehen, weil an ihrem Ende die Freizeit,  das wirkliche Leben also, wartet.

Dieses Szenario ist so lebensecht wie fern jeder Kreativität: Wenn wir all das, was mit Arbeit, mit Erwerbstätigkeit zu tun hat, im Grunde als notwendiges Übel zu überstehen lernen, dann fehlt dem Erleben dieser Zeit eine zutiefst menschliche Dimension: Die Lust am eigenen Tun. Die Kreativität. Das Wissen, dass diese Woche, die vor uns liegt, neue Herausforderungen bringen wird. Die Bereitschaft dafür, Bekanntes auf neue, auf ganz ungewöhnliche Weise zu erfahren. Die Idee davon, dass  unsere Persönlichkeit gefordert sein wird, unsere Begeisterung, unsere Kompetenz und unsere Freude an Unerwartetem. Unsere Kreativität.

Wenn unsere SchülerInnen etwa ab Mitte Juni beginnen, innerlich das Schuljahr abzuschließen, „weil eh nichts mehr passieren kann", wenn sie sich langsam zurücklehnen und durchatmen, „weil es im Prinzip gelaufen ist", dann ist das nach den Strapazen eines vergangenen Schuljahres nur allzu verständlich. Und doch: Die Bilanz ist eine negative. Das Schuljahr ist am Ende, die Kraft ist am Ende, die SchülerInnen und alle anderen Beteiligten sind am Ende. Die Tanks sind leer.

Würden die Aufgaben, die während eines Schuljahres auf die SchülerInnen zukommen, ihre ureigenste Fantasie wecken, ihre Neugierde, die Lust am Entdecken, das Wissen um verschiedene Zugänge und Lösungen - und damit das Wissen um die Besonderheit der eigenen Person - dann müsste der Juni nicht der bekannte Erschöpfungsmonat und der September nicht der allzu bekannte Angst- und Belastungsmonat sein: Oh Gott, es geht wieder los.

Im schulischen Alltag verfährt man mit der Kreativität der Kinder auf ganz besondere Weise: Sie wird freundlich gefordert, sie wird mit Nachdruck erwartet, sie wird immer wieder auch auf höchst ansprechende Weise gefördert  - und sie wird in Bahnen gelenkt. Und die  Ergebnisse werden den Kindern entfremdet, ihnen entzogen und auf Wände genagelt, in Homepages verfrachtet, in Kellern archiviert.

Kreativität aber will offene Räume, keine geschlossenen Klassenräume, keine geschlossenen Schulgebäude und schon gar nicht in sich geschlossene Denkmuster.

Wir alle wissen nicht, was unsere Kinder, die heute in der Schule sind, in ihrer Arbeitswelt erwarten wird. Sie werden vermutlich das Wissen, das ihnen die jahrelange Schulbildung ermöglicht hat, nur partiell einsetzen können, sie werden hoffentlich davon profitieren, dass das Spektrum, mit dem sie sich befassen mussten, so umfangreich ist, wie es vermutlich nie mehr in ihrem Leben sein wird.

Und sie werden dieses Wissen nicht brauchen, sie werden Kompetenzen nötig haben, um in dieser Welt, die sich permanent in einem Ausnahmezustand befindet, ihren eigenen Beitrag zu leisten.

Flexibilität wird wichtig sein, die Fähigkeit, rasch zu kombinieren und neue Lösungen zu suchen, die Lust am Neuen wird gefragt sein und die Bereitschaft, sich mit völlig Fremdem auseinanderzusetzen.

Kreativität eben.

Vielleicht können die Menschen, die heute jung sind, bald den Wecker am Montagmorgen hören, schlaftrunken die Augen öffnen, sich noch einmal in ihrem Bett umdrehen und dann mit dem Wissen aufstehen: Eine neue Arbeitswoche beginnt. Nichts wie hin. 

 

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Kommentare

#1 Nahtoderfahrung

Der hier geschilderte österreichische Weg durch den Schulalltag ist nichts anderes als eine in kleine Portionen genossene Nahtoderfahrung, ein mit Lebendigkeit verwechseltes Dahinsterben, eigentlich eine Geburtsverweigerung. Soviel zur Tristess.
Dass Menschen am Morgen nichts wie hinaus wollen in den aufregenden Alltag, dazu braucht es zunächst Begleitung, um die Angst zu nehmen. Die allgegenwärtige Angst macht uns zu kollektiven Topferlsitzern. LehrerInnen sollten keine Angst haben.

Christian Winter

#2 ... aus der Seele geschrieben ...

Dieser Artikel ist mir - kein Lehrer, sondern "nur" Bürger in der Zivilgesellschaft - aus der Seele geschrieben. Diese ganze "Geiz ist geil" und "Arbeit und Anstrengung ist Sch..." - Mentalität führt letztendlich nur zu einem kollektiven Unglück. Ja, ich denke, die Schule ist ein Ansatzpunkt, an dem Veränderung zu einer lebensbejahenderen und lustvolleren Kultur stattfinden kann. Aber auch die Medien könnten das Ihre dazu beitragen. Und letztendllich denke ich mir, dass ein wesentlicher Ansatzpunkt in der Elternschaft liegt, in der Auseinandersetzung mit den Kindern von klein an, in der liebevollen Gestaltung eines Lebensraumes für die kleinen Menschen, in dem es Lust macht, Neues zu entdecken, sich auf Beziehungen (zuerst mit den Eltern, dann mit Geschwistern, Freunden und anderen Menschen) einzulassen, in dem Stabilität in der wechselvollen Welt erfahren werden kann und der Wert von beiden, dem Wandel und der Stabilität, entdeckt werden kann ... Ich denke, diese Prägung lässt sich institutionell nicht leisten - wenn es um mehr als reine Aufbewahrung gehen soll, sind die Eltern stark gefordert. Wenn jede/-r Einzelne dort anpackt, wo er/sie etwas bewegen kann, wenn niemand mehr die anderen beschuldigt, sie wären an der Misere schuld und darauf wartet, dass jemand anderer etwas zum Besseren vollbringt, ja dann werden wir tatsächlich etwas bewegen können ... Vielen Dank nochmals für Ihren Artikel, der setzt ganze Denk- und Assoziationsketten bei mir in Gang ...

Peter Weissengruber